Rotkäppchen und der Wolf mal anders ...
Rotkäppchen ging gemächlich durch Wald und Wiese, den Korb fest an ihren Arm gedrückt. Die Sonne brach in goldenen Flecken durch das Blätterdach, und der Duft von feuchter Erde und wilden Kräutern begleitete sie auf ihrem Weg. Vögel zwitscherten, und alles schien friedlich – bis sich plötzlich das Unterholz vor ihr bewegte.


Ein großer grauer Wolf trat auf den Pfad. Mit wachen Augen, aber nicht kalt, die Zähne zeigend und mit Neugier im Blick. Rotkäppchen blieb stehen, ihr Herz klopfte, doch sie lief nicht davon.
„Fürchtest du dich vor mir?“, fragte der Wolf mit ruhiger Stimme.
„Man sagt, du seist böse“, antwortete Rotkäppchen ehrlich. „Und du siehst auch ein wenig so aus.“
Der Wolf setzte sich ins Gras und seufzte leise. „Die Menschen erzählen viele Geschichten. Sie sehen nur meine Zähne, nicht meine Aufgabe.“
Neugierig setzte sich Rotkäppchen ihm gegenüber. „Welche Aufgabe meinst du?“
„Ich kümmere mich um den Wald“, sagte der Wolf. „Um die alten, schwachen und kranken Tiere. Ich schenke ihnen einen schnellen, würdevollen Tod, damit sie nicht leiden müssen und damit der Wald gesund bleibt. Wenn ich es nicht täte, würde Krankheit sich ausbreiten, und das Gleichgewicht ginge verloren.“

Rotkäppchen dachte einen Moment nach. „Dann bist du also gar kein Ungeheuer?“

Der Wolf schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin ein Teil der Natur. Aber die Menschen verstehen mich falsch. Sie fürchten, was sie nicht begreifen.“ Er lächelte schief. „Manchmal stellen sie mir einfach ihre Weidetiere hin. Einer Alternative, zu der ich nicht immer Nein sagen kann. Wie ein Buffet, das man mir vorsetzt. Wie soll ich da widerstehen können?“
Rotkäppchen nickte langsam. „Dann sorgst du also für dein Wohlergehen und dem des Waldes.“
„Genau“, sagte der Wolf leise. „Ich töte nicht aus Grausamkeit, sondern aus Verantwortung.“

Ein warmer Wind strich durch die Bäume. Rotkäppchen stand auf und hob ihren Korb. „Ich werde mir merken, was du mir gesagt hast“, sagte sie. „Vielleicht sind Geschichten manchmal unfair.“

Der Wolf erhob sich ebenfalls und trat zurück zwischen die Bäume. „Vielleicht“, antwortete er, „braucht es nur jemanden, der zuhört.“
Und während Rotkäppchen weiterging, schien der Wald um sie herum ein kleines Stück verständlicher geworden zu sein.

Und die Moral von der Geschicht ...
Wir brauchen ein anderes, ein vernünftigeres und vielleicht besseres Verständnis für Wald und Wildtiere. Der Natur entfremdet und abhängig von hochentwickelter Technologie, betrachten wir Wald und Tiere durch ein Brennglas unserer Wissenschaft, sehen eine Feder stark vergrößert und das Bild verzerrt - verstörend für unsere Sinne.
Wir bedauern sie wegen ihrer Unvollkommenheit, durch unsere falsche Wahrnehmung, wegen ihres tragischen Schicksals, uns, der selbsternannten "Krone der Schöpfung", weit unterlegen zu sein.
Doch darin irren wir sehr - Wald und Wildtiere lassen sich nicht im Maßstab der Menschen messen. Sie bewegen sich perfekt in einer Welt, die älter und ausgereifter ist als unsere, erbringen Sinnesleistungen, die wir verloren oder nie entwickelt haben, und dürfen auf Stimmen vertrauen, die wir nie hören werden. Sie sind uns weder Gegner noch Diener, sind mit uns jedoch verstrickt im Netz aus Sein und Zeit, sind Mitgefangene auf dieser prächtigen und doch so leidvollen Welt.
